Gefangen in Sucre

Es war der Tag nach der Motorradtour mit Jorge. Wir wollten in den nächsten Tagen gemeinsam mit den beiden Saras eine Tour durch die Salzwüste von Uyuni machen. Während wir uns noch einen Tag in Sucre ausruhen wollten, hatten die beiden Saras vor, schon einmal vorzufahren, da sie unterwegs noch etwas sehen wollten. Gegen Mittag hörten wir von Ihnen, das sie immer noch da waren. Verwundert trafen wir uns mit ihnen, um genaueres zu hören. Sie hatten die Stadt nicht verlassen können, die Busse fahren nicht. Und da fielen mir die Strassenblockaden wieder ein und plötzlich wurde mir klar: Wir sind in Sucre gefangen!

Die Blockaden waren auf allen Zufahrtsstrassen errichtet worden. Jeweils etwa 70 LKW, ein kaum zu räumendes Hindernis. Der Hintgergrund waren protestierende Mienenarbeiter, die damit Druck auf die Regierung ausüben wollten, um bessere Löhne zu erhalten. So sassen wir fest. Zwar war der Weg zum Flughafen noch frei, aufgrund der Krisensituation waren jedoch alle für uns sinnvollen Flüge ausgebucht. So blieb uns nichts übrig, als jeden Tag mehrfach in den Reiseagenturen vorbeizufahren, und auf Neuigkeiten und eine Lösung des Konflikts zu hoffen, die aber leider nicht eintrat.

Am dritten Tag des Abwartens rann uns, vor allem Sara, langsam die Zeit durch die Finger. So entschlossen wir uns, nach Alternativen Möglichkeiten zu suchen. Wir fanden tatsächlich einen Taxifahrer, der einen Gebnirgspfad über die Berge kannte, über den man angeblich an der Barrikade vorbei kommen sollte. Wir packten also unsere Sachen und fuhren ein hoffentlich letztes Mal zum Miradorcafe hoch und genossen ein letztes Mal die Aussicht auf das schönste Gefängnis der Welt.

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Am nächsten Morgen stiegen wir dann zu viert in seinen Kombi ein. Es ging über Stock und über Stein, die Berge rauf und runter, immer wieder fragte er die in der Pampa siedelnden Menschen, wie die Strassensituation aussehe. Nach 2-3 Stunden erreichten wir tatsächlich wieder eine Teerstrasse. Wir waren dem Gefängnis entkommen! Unser Fahrer brachte uns bis Tupiza, von wo aus unsere 4-tägige Tour durch den Salar de Uyuni beginnen sollte.

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Unterwegs sahen wir in der Kargen Landschaft bereits die ersten Alpacas grasen, teilweise mit bunten Fähnchen dekoriert. Ausserdem passierten wir noch Potosi, mit 4700m über nN die höchste Stadt der Welt! Ansonsten verlief die Fahrt nach der Umgehung der Blockade reibungslos, so dass wir Tupiza ungehindert nach etwa 8 Stunden erreichten.

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Motorrad-Tour in Sucre

Während der Spanisch Kurse entdeckten Jorge und ich, dass wir eine gemeinsame Leidenschaft besassen, das Motorradfahren. Nachdem er mir anbot, mir ein Leihbike zu besorgen und mit mir eine Tour durch das Umland zu machen, konnte ich nicht widerstehen. So stand eines schönen, sonnigen Tages, wie eigentlich alle Tage in Sucre, eine giftgrüne Kawasaki 650 KTR vor der Tür. Wir machten uns am Mittag, direkt nach dem Unterricht, auf den Weg. Jorge auf seiner 100er Honda Cross-Maschine, ich auf dem Schlachschiff von Kawasaki. Auf dem Ständer kam sie mir noch vor, wie ein grosses schweres Schlachtross, auf dass ich mich aufschwingen musste. Als ich den Motor erstmal angeworfen hatte, versprühhte sie eher den Charm eines Traktors, der nur darauf wartete, den nächsten Acker durchzupflügen.

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Wir machten uns also auf den Weg. Die Route, die Jorge für uns ausgekundschaftet hatte, führte zunächst nach Norden aus der Stadt heraus. Ich war froh, dass ich diese undurchschaubaren Verkehrswege vorher nicht hatte selbst fahren müssen. Ich konnte hier kein Schema erkennen, so fuhr ich in der Stadt einfach Jorge hinterher. Nachdem die Häuser weniger wurden hörte auch die geteerte Strasse sofort auf und verwandelte sich in eine holperige Schotterpiste, was die tolle Aussicht jedoch nicht im geringsten Minderte. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde querfeldein, bis wir die Siete Cascadas erreichten. Da wir kein Schwimmzeug dabei hatten beliessen wir es bei einem Blick von weitem. Ein kleiner Bach ronn vom Felsen herab und bildete Kaskadenartig mehrere kleine Wasserfälle, insgesamt offenbar 7.

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Wir genossen ein wenig das Panorama und fuhren dann weiter. Unterwegs trafen wir ein deutsches Pärchen, die den Weg tatsächlich zu Fuss zurücklegten, mutig! Wir plauderten kurz und stellten verblüfft fest, dass sie auch noch aus Bremen kamen. Such a tiny planet!

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Wir fuhren weiter und der Weg wurde tatsächlich noch umwegsamer, was ich kaum für möglich gehalten hatte. Für mich war es das erste Mal auf einer Cross Maschine und auch eine Premiere im unwegsamen Gelände. So nahm ich die ersten Schlalköcher noch mit Vorsicht, erfreute mich aber schnell der grandiosen Stossdämpfung meines zwei-rädrigen Schlachtrosses. So peitschte ich meinen Gaul immer schneller über die Berge, Jorge hatte es mit seinem leichten Bike etwas einfacher. Wir machten zwischendurch immer wieder Halt, um die Aussicht auf die Anden zu geniessen. Zu letzt hielten wir an einer alten Ruine an, die an einem Fluss lag. Von Denkmalschutz war hier nichts zu spüren, Kühe grasten in Mitten der Burgreste und liessen hier und dort auch etwas zurück. Die Steine der Ruinie, so erzählte mir Jorge, werden teilweise auch einfach kleingebröselt und zum Auffüllen von Strassenlöchern verwendet, oh mann…

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Es war bereits Nachmittag, so machten wir uns langsam wieder auf den Heimweg. Nach einiger Zeit erreichten wir auch wieder eine geteerte Strasse, die zurück nach Sucre führte. Wir fuhren etwa 20 Minuten bei untergehender Sonne durch kurvige Täler, ich konnte die Schräglage des Motorrads in vollen Zügen geniessen. Noch dazu waren ausser uns überhaupt keine Fahrzeuge auf der Strasse, was den Fahrspass noch erhöhte, mich zur Rujshhour gegen 18:00 Uhr jedoch etwas verwunderte. Auf einmal wurde Jorge vor mir langsamer und ich sah am Horizont etwas auf der Strasse stehen. Wir fuhren langsam näher und erkannten schliesslich einen quer liegenden LKW, der die Strasse versperrte. Allerdings war er nicht im Zuge eines Unfalls umgekippt, wie ich zuerst vermutet hatte, sondern statt dessen einfach nur quer auf der Strasse abgestellt worden. Wir sahen uns etwas verblüfft an, auch Jorge hatte offenbar keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Wir fuhren also am Strassenrand an dem Laster vorbei, nur um danach direkt einen zweiten zu erblicken. Und noch einen, und noch einen. Zwischendurch waren immer wieder Fussgänger zu sehen, die teilweise Waren auf Schubkarren beförderten. “Ah! Ein Strassenfest!” dachte ich, doch das war es nicht.

Wir brauchten etwa 45 Minuten, um die Autos zu umschiffen, mussten zwischendurch immer wieder absteigen und schieben, da die Autos wirklich dicht an dicht aufgestellt waren. Dann waren wir doch endlich durch, so fuhren wir zu Jorge, wo ich die Maschine stehen liess und zu Fuss nach Hause lief. Adela wartete schon auf mich und hatte versucht, sich überhaupt keine Sorgen zu machen, was ihr wohl auch weitestgehend geglückt war. Sie hatte sich in der Zeit einen Frauen Tag mit viel Ruhe gemacht. Ich erzählte ihr von der Tour und auch von der Strassenbarrikade, auch sie konnte sich darauf keinen Reim machen. Doch bereits am nächsten Morgen sollten wir herausfinden, was es damit auf sich hatte…

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Leben in Sucre

Die Vormittage verbrachten wir mit Jorge beim Spanisch lenen, jeder einen Doppelblock von 1,5 Stunden. So hatten wir ab Mittag frei und konnten die Stadt erkunden. Sucre war wirklich eine schöne Stadt, sehr farbenfroh, gerade die traditionelle Kleidung der indigenen Bevölkerung war prachtvoll. Voll vom belebten Plätzen, auf denen sich die Bolivianer herumtrieben, ausruhten und miteinander plauschten. Besonders der Platz des 25. Mai direkt im Stadtzentrum war wundervoll. Wir verbrachten einige schöne Tage hier, probierten die zahlreichen guten Restaurants, die häufig von Europäern betrieben wurden und trotzdem höchst erschwinglich waren. Wir verbrachten viel Zeit auf den Märkten, kauften uns Pullover, Handschuhe und Mützen aus Alpaka Fell, tranken frisch gepresste Säfte oder assen üppige Fruchtsalate.

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Cementerio

Wir besuchten den Friedhof, der wirklich eine spezielle Angelegenheit war. Teilweise waren Familien in ihren eigenen, prachtvollen Mausoleen beerdigt, andererorts gab es betonwandartige Konstruktionen, in denen die Ahnen dann Mehrstöckig beherbergt waren. Oft verglast und mit Blumen geschmückt, teilweise sogar mit Sonnendach, damit es den alten Menschen auch nicht zu warm wird im Sommer. Insgesamt war der Friedhof aber sehr schön hergerichtet, eine lohnenswerte Besichtigung.

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La siete Cascadas

Nach ein paar Tagen kam auch Sara wieder nach Sucre, die sich inzwischen mit ihrer Schweizer Freundin getroffen hatte, die für zwei Wochen zu Besuch in Bolivien war und ebenfalls Sarah hiess, allerdings mit H. Mit ihnen machten wir noch eine Exkursion in das Umland von Sucre und besuchten ein paar nahegelegene Wasserfälle, die Siete Cascadas, die sieben Wasserfälle. Das Wasser war sehr kalt dort, wir haben uns trotzdem kurz hinein gewagt. Die beiden Töchter unseres Taxifahrers (vielleicht 6 und 8), die ebenfalls mitgekommen waren, verbrachten bestimmt 1,5 Stunden im Wasser, Kinder haben offenbar eine andere Toleranzgrenze, was Temperaturen angeht… wir hielten es auf jeden Fall keine zwei Minuten aus, bevor wir wieder an Land robbten, um uns in der Sonne zu wärmen.

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Ein Tag in der Kirche

An einem der Tage hatte Jorge uns eingeladen, mit ihm zusammen in seine Kirche zu gehen. Er hatte nach einer turbulenten Vergangenheit seinen Weg zu Gott gefunden und war sehr engagiert. Wir verlegten den Kurs auf die Mittagszeit und gingen dann anschliessend gemeinsam in die Kirche. Jorge warf sich dafür noch ordentlich in Schale, wir haben ihm dafür noch den Schlips gebunden.

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Dann ging es los. In der Kirche angekommen stellte Jorge uns erstmal der halben Gemeinde vor. Jeder schien ihn hier zu kennen, der plauderte mit allen. Dann nahmen wir in der Mitte platz, alle Augen waren auf uns gerichtet. Kurz darauf ging es auch schon los mit dem Programm. Zunächst gab es ein paar warme Worte, die aber sehr knapp gehalten waren. Dann legte die Jugend Band los, die vorne auf der Bühne ihre Instrumente aufgebaut hatte, ein Cousin von Jorge war auch dabei. Anfangs erinnerte es eher an ein Rock Konzert, als an eine Kirchenveranstaltung in Deutschland.

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Die Menschen stimmten im Chor mit ein uns sangen lauthals die religiösen Texte mit. Dabei liessen sie ihre Hände gen Himmel zeigen, die Augen geschlossen. Es war eine überwältigende Stimmung! Jorge hatte mir zu verstehen gegeben, dass ich frei nach Gusto fotografieren dürfe, also legte ich los.

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Nach etwa 1,5 Stunden war dann der musikalische Teil vorbei. Jorge nutzte die Pause, um uns der grössten Persönlichkeit im Saal vorzustellen: Maria Nazareth, hiess die Vorsteherin der Kirche, eine sehr charismatische Frau. Wir machten noch schnell ein gemeinsames Foto, wonach wir uns aber auch verabschiedeten. Wir hatten bereits von Guido gehört, dass anschliessend noch die Missionierung erfolgen würde, die wir uns ersparen wollten. So gingen wir überwältigt von der intensiven Stimmung aus der Kirche und fuhren nach Hause, um die Eindrücke zu verarbeiten.

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